2 Herzflimmern
Sie hatte keinen Spiegel. Um sich zu behelfen, hatte sie vor einigen Monaten eine Spiegelfolie in die Innenseite ihres Kleiderschranks geklebt. Perfekt war diese Lösung nicht - aber es reichte, um sich zu hassen! Vor zwei Monaten hatte Sophie ihr Abizeugnis erhalten, und auf dem Abiball hatten alle Mädchen phantastisch ausgesehen. Einige schienen ordentlich Geld in die Hand genommen und Friseur und Visagist bemüht zu haben. Sie nicht. Sie wusste nicht, wie das geht. Ein bisschen den Lidstrich nachgezogen, ein Hauch Mascara auf den Wimpern und ein dunkler, zarter Gloss auf den Lippen, das musste für heute Abend reichen.
Für ihr erstes Date. Kein vorsichtiges Ich-probiere-mal-aus-Date. Das war heute kein Experiment! Das war... der erste Schritt ins Erwachsensein. Adrian hatte sie während eines abendlichen, überraschend langen und intensiven Telefonats ins Kino eingeladen. Überraschend, weil sie gar nicht damit gerechnet hätte, einem Mann so aufzufallen. Intensiv, weil sie sich sehr tief verbunden fühlten und Worte für tiefgehende Gefühle gefunden hatten. Erwachsen, weil Adrian einige Jahre älter war als Sophie. Ob sie sich dem gewachsen fühlte? Ja und nein zugleich - aber sie war neugierig!
"Kneifen gilt nicht", motivierte sie sich, trat von der welligen Folie weg und griff nach ihrer Handtasche. Ihre erste und einzige, die sie besaß, und die sie nicht oft verwendete.
Er hatte draußen geparkt in seinem orangefarbenem Auto, das eigentlich für ihn allein viel zu groß war. Seine Lebenspläne hatten bis vor wenigen Wochen noch anders ausgesehen, und er war vom Schicksal überrascht worden. Eine Welt, die Sophie bisher verborgen geblieben war - bei ihr war bislang alles nach Plan verlaufen.
Als sie zu ihm einstieg, schien die Zeit einen Moment innezuhalten. Mit einem breiten, charmanten Lächeln und einem sympathischen Augenzwinkern begrüßte er sie.
Dieses verdammte Zwinkern! Sie hasste und liebte es zugleich, es ließ ihr Herz einfach höher schlagen und machte sie schwach. Auf diese Weise konnte das nur er!
„Ich bin gespannt auf den Film!“ Während der Fahrt versuchte sie, eine zwanglose Unterhaltung zu beginnen und ihre Finger zu beschäftigen. Sie war nervös und voller Adrenalin, aber auf eine angenehme Art. Sie spürte die Hitze in ihren Wangen und wie das Blut durch ihre Adern rauschte. Diese Momente fühlten sich an wie eine Droge, von der sie noch lange nicht genug bekommen konnte. Wenn das Erwachsensein bedeutete, dann liebte sie es jetzt schon! Die Fahrt zum Kino war ein Wirbel aus Lachen und tiefgründigen Gesprächen über Musik und Träume, die sie teilten.
Der Film selbst war ein Meisterwerk, das ihre Sinne fesselte und sie noch enger zusammenbrachte. Als die Credits über die Leinwand rollten, schlug Adrian vor, den Abend mit einem Spaziergang entlang der Flusspromenade ausklingen zu lassen. Sophie stimmte zu, ihre Erwartungen und Emotionen flatterten wie Schmetterlinge in ihrem Bauch.
Zum Glück kein Dinner! Vor lauter Aufregung hätte sie ohnehin keinen Bissen hinunterbekommen. Außerdem hatte sie nicht die geringste Ahnung, wie sie sich in einem guten Restaurant an seiner Seite verhalten sollte. Zum Essen auszugehen, gehörte einfach nicht zu ihren täglich Übungen und allein schon der Gedanke daran verunsicherte sie zutiefst. Adrian schien die Feinfühligkeit zu besitzen, ihr genug Zeit zu lassen, damit sie sich zu passender Gelegenheit dieser Situation stellen konnte - und zu lernen, sie zu genießen. Aber dass sie das eines Tages tun würde, das wusste sie jetzt noch nicht.
Die Pflastersteine waren nur spärlich beleuchtet, und die Dunkelheit umhüllte sie wie ein weicher Mantel. Das Plätschern des Wassers begleitete ihre Schritte, während sie nebeneinander hergingen, in der Ferne die großen wummernden Tanker, die flussauf- und abwärts glitten. Seine Stimme, tief und beruhigend, erzählte von seinen Reisen und den Orten, die er gesehen hatte.
„Es ist spannend“, begann Sophie nachdenklich, „wie Musik und Orte so eng mit unseren Herzen verschmolzen sein können. Manchmal fühlt es sich an, als würden sie zu Teilen von uns selbst werden - unzertrennlich miteinander verwoben.“
„Ja, das stimmt“, erwiderte er. „Es sind die kleinen Momente, die bleiben, nicht wahr? Da ist der Wind, ein Duft, ein Klang, ein Gefühl...“ Seine Worte schwebten in der Luft, voll von unausgesprochenen Fragen. Sein Blick haftete an ihren Augen, er legte eine Hand an ihre Gesicht, strich mit dem Daumen an ihrer Wange entlang. Die Zeit schien stehenzubleiben und nahtlos in die Ewigkeit überzugehen. In dem Moment gab es kein Zuhause mehr, ihr Zimmer und die kleine Welt, die es beherbergte, schienen so weit weg und mit einem Mal auch überflüssig zu sein. Der Moment versprach ihr Freiheit, das Gefühl von unendlichen Möglichkeiten und eine Welt der Gefühle, die wie ein unbeschriebenes Buch vor ihr lag und darauf wartete, mit zarter, anmutiger Handschrift gefüllt zu werden. Mal mit leichter heller Tinte, mal mit dunkler, schwerer, die sich durch die Seite hindurchdrücken und auf der nächsten wiederfinden würde.
Sophie, ihr Blick zum Sternenhimmel gerichtet, der zwischen den Blättern der Bäume hindurchblitzte, fühlte sich plötzlich überwältigt von der Stille und der Nähe zu ihm. Ein warmer, schwerer Nebel hüllte sie ein und versuchte, ihre Lider zu schließen. Alle Spannung wich aus ihrem Körper, sie schien sich in die Lüfte zu erheben und zu schweben, so leicht fühlte sich auf einmal alles an. Wider alle Vernunft hatte sie das Verlangen, sich hinzugeben und tiefstes Vertrauen und Geborgenheit zu spüren. Doch anstatt der Sterne am Himmel kam der Boden näher.
Er reagierte schnell, seine starken Arme fingen sie auf und hielten sie aufrecht. „Bleib bei mir! Ich bin da, ich hab dich“, sagte er leise, sein Atem warm an ihrem Ohr. Als Sophie ihre Augen öffnete und in seine besorgten Augen sah, spürte sie, wie er sie näher an sich zog und dort ganz fest hielt. Seine Lippen trafen sanft auf ihre, ein Kuss so leicht und flüchtig, dass Sophie voller Verlangen zurückblieb.
In diesem Moment, eng umschlungen an der dunklen Flusspromenade, begriff sie, dass dies der Beginn von etwas Neuem war, etwas Tiefem und Intensivem, etwas bisher Unbekanntem, was sie unter allen Umständen erfahren wollte. Doch in der Süße des Augenblicks lag auch die Angst der Ungewissheit... und die stumme Vorahnung, dass ihr zum ersten Mal das Herz gebrochen werden würde.