3 Willkommen auf Hardon Abbey


4 Jaris

Die Frau, die Melody im hohen Wandspiegel des Badezimmers erblickte, haute sie selbst aus den Socken - wenn sie welche getragen hätte. Sie hatte sich für ein schwarzes Bandeaukleid aus fließendem Chiffon entschieden, das ihre Knöchel umspielte und ihre silberfarbenen Sandaletten ausgezeichnet zur Geltung brachte. Dazu kombinierte sie eine schlichte Kette aus zarten hellrosa Perlen, die sie auch als Fußkettchen und Ohrstecker trug. Im Gesicht taten Puder, Mascara und roter Lipgloss ihr Werk. Für ihre kastanienfarbenen Locken hatte Melody ein paar Haarklammern bemüht, dennoch ließen sich einige Strähnen nicht bändigen und rahmten charmant und verspielt ihr Gesicht ein. Alles in allem stand dort nun eine selbstbewusste junge Frau, die allen Grund dazu hatte, sich selbst zu lieben, es aber viel zu selten tat.

Sie trat noch einen Schritt näher an den Spiegel, um sich in ihre viel zu hell strahlenden Augen zu sehen und sich selbst Vereinbarungen und Versprechungen abzunehmen. Ihr war klar, dass sie heute Abend eine ganz andere Frau sein würde, als sie es gestern war und in ein paar Tagen vielleicht wieder sein würde, wenn sie die Heimreise antrat. Unter leisem Fluchen legte sie eine Hand auf ihr Herz, denn sie konnte es vor Aufregung schlagen sehen. Mit einem kurzen sarkastischen Augenrollen betete sie, dass es außer ihr sonst niemand bemerken würde. Schon gar nicht... Jaris!
Verdammter Mist!
Melody seufzte noch einmal heftig, trat dann entschlossen vom Spiegel weg und klackerte auf ihren High Heels zum Garderobenhaken, wo bereits die schwarze Clutch und ein kleines Kunstfelljäckchen auf sie warteten. Auch wenn der Weg zum Haupthaus recht kurz war, sie wollte ihn dennoch nicht zurücklegen, ohne ihre bloßen Schultern vor dem eisigen Regen zu schützen. Sie trat durch die kleine Tür ins Freie, zog sie zu und blieb noch einen Moment unter dem winzigen Vordach stehen. Nein, sie wollte nicht sofort so vielen Menschen begegnen, sondern erst einmal kurz zu sich finden, atmen, die wunderschöne Welt um sie herum sehen und fühlen.
Nur noch vereinzelte Tropfen fanden ihren Weg zur gefrorenen Erde. An manchen Stellen war der graue Himmel schon aufgerissen und ließ erahnen, dass der Sonnen-untergang dahinter zauberhaft sein musste. Ob sie heute noch die Sterne würde sehen können? Sie hoffte es so sehr, denn jeden Abend suchte sie sich einen besonders hell leuchtenden aus und besprach mit ihm die Dinge, die andere Menschen vielleicht in ihr Tagebuch schreiben würden. Aber dieses ziellose Monologisieren war nichts für Melody...
„Und los!“ Mit einem unvorhergesehenen, plötzlich durchbrechenden Motivationsschub hastete sie über die winzigen knirschenden Kieseln in Richtung Haupthaus, wo das festliche Licht bereits durch die Fenster fiel und die einzelnen Regentropfen kurz wie kleine Diamanten auf-leuchten ließ. Sie feierte den Moment, als sie die riesige Eingangshalle des Anwesens betrat und von leisen Klavierklängen empfangen wurde. Ein äußerst geschickter Pianist verswingte amerikanische Weihnachtslieder und machte sie salonfähig. Ehrfürchtig sah Melody sich um - sie konnte es immernoch kaum glauben, dass sie es dieses Jahr tatsächlich geschafft hatte und endlich hier war!
Menschenstimmen und fröhliches Gelächter drangen zu ihr nach draußen. Der Boden war mit weißem Marmor gefliest, auf dem deutlich die typischen hellgrauen Rauchschleier sichtbar waren. Die Wände waren weiß gestrichen und überall hingen Familienfotografien, Bilder von Soraya und Jan und andere Momente, an die sie sich gerne erinnerten. Vereinzelte Porträts hoben sich auf Acrylglas hervor und wurden wie in einem Museum mit warmen LED-Strahlern angeleuchtet. Von der Decke prangte ein kleiner schmucker Kronleuchter aus Kristallglas, der an seiner Befestigung von Stuck umgeben war. An der rechten Seite der Eingangshalle führte eine breite Marmortreppe ins nächste Stockwerk. Der Raum wirkte riesig und imposant, dennoch voller Licht, Wärme und Liebe, die Melody an Soraya und Jan so schätzte und genoss.
In dem Moment öffnete sich leise quietschend eine schwere Seitentür, die die gleiche Rundbogenform aufwies wie die Eingangstür des Cottages, und der personifizierte Sonnenschein trat hindurch. Soraya strahlte über das ganze Gesicht, umrahmt von ihren hellblonden Locken und in knielangem kräftig gelben Chiffon gekleidet. Eine zarte Schleife umgab ihre Taille und verlieh ihrer Erscheinung etwas Elfenhaftes. Ein winziger kleiner Diamant an ihrem Hals fing das Licht des Raumes ein und gab es in allen erdenklichen Farben wider. Als sie Melody erblickte, schloss sie hastig die Tür und kam mit schnellen Schritten auf sie zu, um sie in Empfang zu nehmen. Die Umarmung fiel herzlich, aber damenhaft zurückhaltend aus - Make Up und Frisur mussten schließlich noch lange durchhalten.
„Du kommst gerade richtig! Ich hatte mich eben gefragt, wann du wohl herkommst.“ Soraya ergriff Melodys Hand und führte sie zu riesigen offenstehenden Flügeltüren, hinter denen sich der Salon befand. „Du siehst wundervoll aus“, flüsterte Soraya ihr zu und richtete mit einer schlichten und liebevollen Geste die zarte Perlenkette an Melodys Hals, sodass der Hakenverschluss wieder unter den braunen Locken verschwand. „Danke“, erwiderte Melody, „du auch!“ Sie traten einen Schritt zur Seite, um den Durchgang freizugeben, und genau wie draußen sog Melody die Atmosphäre in Ruhe und zunächst noch vor der Aufmerksamkeit der anderen Gäste geschützt in sich auf.
Anders als in der Eingangshalle lag hier wundervolles dunkles Parkett im Fischgrätenmuster, das kürzlich erst gebohnert worden sein musste. Der Flügeltür gegenüber erstreckte sich eine riesige Fensterfront, die bis unter die Decke reichte und den Blick auf eine parkähnliche Gartenanlage freigab, hinter der sich gerade in diffusem Grau gehüllt das Meer erstreckte. Rechts verströmte ein gigantischer Kamin mit züngelnden Flammen Wärme und Licht, davor war geschmackvoll eine Polstergruppe mit Sesseln, einem großen Sofa und ovalförmigen Kaffeetisch arrangiert. An der Wand, in der auch die Flügeltür eingelassen war, ragte eine gut bestückte Bibliothek in die Höhe und machte neugierig auf ihre verborgenen Geheimnisse und Geschichten. Auf der linken Seite des Raumes prangte ein festlich geschmückter überdimensionaler Weihnachtsbaum, der trotzdem fast zu klein für diesen Salon zu wirken schien. Neben ihm saß der Pianist an einem schwarzen Konzertflügel, der für die entspannte weihnachtliche Stimmung sorgte. Die freie Fläche in der Mitte ließ vermuten, dass sie später zum Tanz dienen sollte.
„Er ist übrigens schon da“, säuselte Soraya. Melodys Herz setzte einen Schlag aus und sie blickte ihre Freundin mit großen Augen an. „Woher weißt du...?“ Doch Soraya unterbrach sie stumm mit ihrem Blick und deutete verstohlen in Richtung der Fensterfront.
Ihre Augen folgten dem Fingerzeig. . . und dann vergaß sie zu atmen. Da stand er mit einer Gruppe von jungen Herren, die er gut zu kennen schien, und hatte der Flügeltür den Rücken zugewandt. Eine Hand lässig in der Hosentasche, die andere mit einem Nosingglas, aus dem er gerade einen kleinen Schluck nahm, schien er aufmerksam das Gespräch der Gruppe zu verfolgen.
Verdammt, war dieser Anzug maßgeschneidert?
Augenblicklich fühlte sie sich wie ein kleines hässliches Entlein und bereute, dass sie auf aufwändiges Make Up verzichtet hatte. In dem Moment berührte einer der Männer, den sie als Sorayas Mann ausmachte, flüchtig seinen Arm und deutete dann in ihre Richtung. Augenblicklich schoss ihr die Röte in die Wangen und sie bemühte sich um eine aufrechte selbstbewusste Haltung. Er wandte sich kurz zu ihr um, stellte sein Glas auf dem niedrigen Fenstersims ab und nickte entschuldigend der Gruppe zu. Dann setzte er sich in Bewegung und schritt geradewegs auf sie zu.
Während sie seinen Blick auffing, war ihr Kopf wie leergefegt. Vorhin hätte sie ihm noch tausend Dinge zu sagen gewusst, jetzt war alles schlagartig weg. Ihre Finger fühlten sich mit einem Mal merkwürdig taub an, begannen zu zittern und mit einem dumpfen Platsch fiel ihr die Clutch vor die Füße. Peinlich berührt ging sie hastig in die Knie und klaubte sie auf. Als sie sich wieder aufgerichtet hatte, wurden das Stimmengewirr und die Musik dumpf um sie herum, die Lichter vernebelten sich und die Welt begann sich zu drehen wie ein Kreisel. Verflucht, nicht das schon wieder!
Wenn sie so aufgeregt und kopflos war wie in den letzten Tagen, dann vergaß sie grundsätzlich zu essen. Auch heute hatte sie lediglich einen kleinen Joghurt geschafft, danach war ihr wieder übel gewesen. Für ihren stressempfindlichen Magen hatte sie bisher einfach noch keine Lösung gefunden, aber das würde sie müssen, wenn es nicht irgendwann einmal peinlich werden sollte - so wie jetzt!
Soraya hatte Melodys ungewollten Schritt zur Seite bemerkt, ergriff nun ihren Arm und verhinderte, dass sie über ihre eigenen Füße stolperte.
„Hey, alles klar? Geht's dir gut?“
Melody nickte schnell und atmete tief durch. Der Kreisel in ihrem Kopf beruhigte sich wieder und die Lichter hellten auf. „Mir geht's gut“, erwiderte sie und schenkte Soraya ein sorgloses, strahlendes Lächeln.
„Na ja“, machte Soraya gedehnt und gab ganz langsam ihren Ellbogen wieder frei.
„Ich geh eben in die Küche und mach dir Saft und Canapés zurecht. Du bist ganz blass. Warte hier und beweg dich nicht von der Stelle.“ Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand durch eine Seitentür irgendwo hinter dem riesigen Weihnachtsbaum.
Wieder alleingelassen stand sie da und umklammerte ihre Clutch, weil sie nicht wusste, wie sie ihre Hände beschäftigen sollte. Mittlerweile war er so nah auf sie zugekommen, dass sie seinen Gesichtsausdruck wahrnehmen konnte und versuchte, ihn zu deuten. Sie hoffte verzweifelt, dass er von dem Zwischenfall gerade nichts mitbekommen hatte, aber dazu müsste er schon blind sein. Mit pochendem Herzen wartete sie, bis er vor ihr stand.
Sie traute sich kaum, ihn anzusehen. Dennoch riss sie sich zusammen, hob den Blick von ihren Fingern, die sich um die Clutch krampften, und lenkte ihren Blick geradewegs in seine Augen. Dann passierte das, was immer in seiner Gegenwart geschah und wogegen sie sich nicht im Geringsten wehren konnte: er brachte sie zu einem strahlenden Lächeln. Auch er lächelte sie an, ein bisschen schüchtern wirkte er, und neigte dabei ganz leicht, kaum merklich, seinen Kopf ein wenig zur Seite.
„Hey“, begrüßte er sie.
„Hey“, gab sie zurück und hoffte inständig, dass ihre Stimme nicht wegbrach. Mehr sagte er nicht, sondern breitete nur in einer einladenden Geste seine Arme aus.
Ein wenig unsicher verharrte sie noch einen Moment, dann machte sie einen Schritt auf ihn zu, griff um ihn und drückte ihre Wange an sein Revers. Eine Hand legte er auf ihren Rücken, mit der anderen umfasste er ihren Nacken. Sie spürte, wie sein Daumen unter ihrem Ohrläppchen entlangstrich. Unter ihren geschlossenen Lidern begannen ihre Augen zu brennen und sie atmete tief und langsam, als sei eine unglaubliche Last von ihrer Seele gefallen.
Einen innigen Moment lang hielt er sie fest, dann umfasste er sanft ihre Schultern und schob sie gerade so weit von sich, dass er sie ansehen konnte. Unvermittelt, schon fast herausfordernd blickte sie ihn mit wässrigen Augen an. Dann lächelte er wieder und strich ihr mit dem Zeigefinger einmal über die Wange, wie er es schon einmal getan hatte damals, als sie bei ihm gewesen war und sie nicht viel Zeit hatten, weil Soraya und Jan zu Besuch gewesen waren und im Wohnzimmer gesessen hatten. Auch heute hinterließ er dabei eine prickelnde Spur auf ihrer Haut und als sie nachließ, blieb nur schmerzliche Sehnsucht und die Ungewissheit, wann sie es wieder würde fühlen dürfen.
Er machte eine auffordernde Kopfbewegung in Richtung Fensterfront, ließ ihre Schultern los und legte eine Hand ungezwungen und beschützend auf ihren Rücken. Nach zwei Schritten ließ er sie aber auch schon wieder fallen und augenblicklich vermisste sie dieses Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das er damit bei ihr ausgelöst hatte. Während sie den großen Salon durchquerten, berührten sich immer wieder ihre Hände. Zufällig? Absichtlich?
Na toll, ein weiterer Gedankenkreisel!
Plötzlich griff er mit beiden Armen um sie und zog sie fest an seine Seite. Überrascht riss sie die Augen auf und sah fragend zu ihm auf. Sein Arm lag schützend um ihre Schultern, sodass sie sich kaum noch rühren konnte.
„Entschuldigung“, murmelte er lächelnd über ihren Kopf hinweg.
Soweit es ihr möglich war, drehte sie sich in die Richtung, in die er gesprochen hatte. Ein älteres Ehepaar winkte höflich ab und verschwand in der Menge. Mit einem peinlich berührten Seufzer schloss sie die Augen und ließ den Kopf hängen. Sie war so mit sich selbst und ihren Empfindungen beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht mehr auf die Umgebung geachtet hatte und beinahe das arme Ehepaar über den Haufen gerannt hätte. . . wäre er nicht gewesen.
„Alles okay?“, fragte er, legte einen Finger unter ihr Kinn und zwang sie sanft, ihn anzusehen.
„Ja“, hauchte sie nur und wünschte sich ein Loch im Erdboden zum Versinken. Und es ärgerte sie ein wenig, dass ihn die Situation zu amüsieren schien, denn seine Mundwinkel zuckten verdächtig. Sie trat einen kleinen Schritt zurück, er ließ ihr Kinn los und gemeinsam schritten sie weiter auf die Fensterfront zu.
„Hier bist du!“ Soraya kam auf sie beide zugelaufen. Es sah fast so aus, als würde sie schweben und der Chiffon ihres Kleides rauschte bei jedem Schritt. „Ich hab hier eine Kleinigkeit für dich. Danach geht's dir sicherlich besser.“
Soraya packte Melody am Arm und zog sie neben sich auf die niedrige Fensterbank. Dann präsentierte sie ihr einen Teller mit belegten Baguettescheibchen und Früchten und stellte eine Champagnerflöte mit Orangensaft gefüllt neben ihr ab.
„Iss das erstmal. Ich muss mich noch um die anderen Gäste kümmern, ja?“ Soraya schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, zwinkerte ihr zu und flog schon wieder davon. Beschämt kauerte sie nun da und hatte mitverfolgt, dass Jaris mit Sorayas überfallartigem Gruß aus der Küche gar nichts anzufangen wusste. Er griff nach seinem Nosingglas, was er vorhin hier abgestellt hatte, als sie angekommen war, und sah sie wieder mit seinem verzaubernden Lächeln und dem leicht geneigten Kopf an. Sie schnappte sich Teller und Glas, rappelte sich hoch, wobei sie sich verdammt ungeschickt und undamenhaft fühlte, und steuerte auf die Sitzgruppe am Kamin zu.
„Das ist doch viel bequemer“, trällerte sie ihre Unsicherheit fort und schmiss sich demonstrativ locker auf das riesige Sofa. Er setzte sich neben sie, positionierte seinen Drink auf dem Salontisch und pflückte eine Weintraube vom Teller. Neugierig verfolgte sie seine Bewegungen… und fand sich plötzlich mit der Frucht im Mund wieder.
„Aufessen!“, befahl er sanft und sah sie mit dem aufmerksamen flackernden Blick an, der absolut keinen Widerspruch duldete.
Genau wie damals, als sie auf seiner schwarzen Ledercouch gelegen hatte und vollkommen überfordert mit sich und der Welt gewesen war. Ihre Aufregung hatte ihr mal wieder das Essen versagt, und irgendwie hatte sie es geschafft, nahezu zwei Tage so zu verbringen. Irgendwann hatte er ihr einfach eine Handvoll Salzstangen in den Mund geschoben… und sie genauso angesehen wie jetzt.
Es war ihr unbehaglich und angenehm gleichzeitig. Sie hasste es, so bevormundet zu werden! Andererseits liebte sie es, wenn er sich um sie sorgte und ihr zeigte, dass ihm ihr Wohlbefinden wichtig war. Gehorsam aß sie alles langsam auf, genoss die Mischung zwischen cremigem Brie und süßer frischer Frucht und trank den Orangensaft in kleinen Schlucken.
Während er seinen Blick über die Menschenmenge gleiten ließ, nutzte sie die Gelegenheit, ihn nicht nur anzusehen, sondern ausführlich zu studieren. Damals hatte er ferngesehen und wahrscheinlich keine Notiz davon genommen. Sie würde sich jede Einzelheit einprägen, als müsste sie ihn später porträtieren oder in Marmor hauen. Sie würde ihre Erinnerung an ihn ewig mit seinem Duft verbinden. Jedes Mal, wenn sie durch die Stadt lief und ihr dieses Parfüm entgegenwehte, verfluchte sie die unbekannte Person, die es wagte, seinen Duft zu tragen. Auch, wenn er sich irgendwann in Zukunft für eine andere Note entscheiden würde - das würde nichts daran ändern, dass sie die schönsten gemeinsamen Momente mit einem herbsüßlichen frischen Wässerchen von Armani verband.
Melody nahm den letzten Schluck Orangensaft, stützte einen Ellbogen auf ihr Bein und legte das Kinn auf ihren Handrücken. „Und nun?“ Ihre Augen blitzten ihn unschuldig und gleichzeitig herausfordernd an.
Er löste die Beine, die er entspannt übereinander-geschlagen hatte, stand auf und reichte ihr die Hand. „Tanzen wir!“
Sie ließ sich aufhelfen und genoss die himmlische Sekunde, in der er ihre Hand festhielt.
„Aber ich kann nicht tanzen“, protestierte sie ungläubig.
„Mit mir kannst du es. Lass dich führen.“
Sie hätte sich am liebsten sofort in seine Arme geworfen. Oder doch davonrennen? Sie konnte sich nicht entscheiden. Leichte Panik machte sich in ihrem Herzen breit, als er sie, eine Hand um ihren Arm, die andere auf ihrem Rücken, auf die Tanzfläche inmitten des großen Salons führte.
Der Pianist zauberte aus I'm dreaming of a white christmas einen langsamen Tango. Sie schloss die Augen, spürte nach, welche Schritte er machte, in welche Richtung seine Hand sie führte, wie die Hand auf ihrer Taille sie an ihn zog und sanft wieder von sich schob. Als sie sich sicher fühlte, ließ sie ihre Blicke sich begegnen. Er hatte sie nicht eine einzige Sekunde aus den Augen gelassen. Sie hatte ihm im wahrsten Sinne blind vertraut, und er hatte sie beschützt. Ihr Herz raste, als sie sich bewusste wurde, was sie gerade ohne darüber Nachzudenken getan hatte. Gemeinsam drehten sie sich zur Musik, sie fühlte sich ganz leicht und meinte zu schweben. Eine wärmende Wolke umgab ihre Sinne, sodass sie alles ausblendete, an nichts mehr dachte und nur noch ihn sah.
Die Akkorde begannen zu verklingen, der Tanz würde sich bald dem Ende zuneigen. Seine Hand ließ ihre Taille los, er hob die andere und drehte Melody, seine Prinzessin für den Moment, elegant einmal um sie selbst. Dann umfing er ihren Nacken und ließ sie zum Schlussakkord auf Hüfthöhe in seinen Arm sinken. Eine gefühlte Ewigkeit lang verharrten sie so, ihre roten Lippen waren leicht geöffnet und ihr warmer Atem streichelte seine Wangen. Durch halb geöffnete, flatternde Lider blickte sie ihn an.
Sanft zog er sie wieder nach oben und hielt ihre Hand weiter ganz fest in seiner. Sie versanken gegenseitig in ihren Augen und suchten nach Antworten auf stumme und drängende Fragen, für die sie beide noch nicht den Mut hatten, sie zu stellen.


5 Quietscheentchen lieben Regen